… « zwischen »  den Zeilen und den Erdschichten … « entre » les lignes et la terre

@ University in Geneva

Warten auf den Regen

* dieser Text erscheint in leicht gekürzter Version im Zeitpunkt-Magazin (Ausgabe Mai/Juni 2014) unter Pascous Selbstversorger Journal. Erstellt: anfangs April.

Feldmaus und Blindschleiche begrüssen mich, als ich anfangs April nach zweimonatiger Absenz in meinen Nutzgarten in Le Bousquet d’Orb (F,Haut Languedoc) zurückkehre. Beim Öffnen des Chassis entdecke ich die Tiere im Stroh, das junge Kräuter-Setzlinge über die Wintermonate warm gab. Den Tieren gefiel das ebenso.

Im September 2013 hatte ich ein wild überwuchertes, zehn Aaren grosses Terrain übernommen. Eine Dame stellt es mir für meine Selbstversorger-Experimente gratis zur Verfügung. Mehr als zehn Jahre lag die gen Süden ausgerichtete, leicht abfallende Parzelle brach. Die gemeine Quecke hatte sie eingenommen, weshalb ich im Herbst auf zwei Dritteln der Fläche Roggen aussäte, um ihr den Kampf anzusagen. Mit dem Vierzahn hatte ich zuvor Stunden lang gegen das Süssgras angekämpft. Bereits im Herbst kamen Kefen, Saubohnen, Nüssler, Rukola und Petersilie in den Boden. Ende Januar bei einer mehrtägigen Visite säte ich Spinat, pflanzte Knoblauch – und genoss den ersten Nüsslersalat, garniert mir frischer Petersilie!

Und jetzt, nach meiner neuerlichen, nun definitiven Rückkehr, bin ich vorerst mit dem Schneiden des hohen Grases und Jäten beschäftigt. Mit der Sense befreie ich die diversen Beete und schneide einen Teil des Roggens, der als Gründünger in den Boden eingearbeitet und so den Folgekulturen dienen wird. Zu meinem Erstaunen konnte ich bereits in die erste knackige Kefe beissen und – weniger erstaunlich – junge Spinatblätter verzehren.

Die Teilselbstversorgung ist angelaufen. Noch bin ich aber weit davon entfernt, mich einzig von meinem Nutzgarten versorgen zu können. Der englische Pionier der Selbstversorgung, John Seymour, schrieb in den 70iger Jahren in seinem Buch Selbstversorgung aus dem Garten: „Gartenbau zur Selbstversorgung erfordert einiges an Engagement.“ Da hat er recht: weil mein Engagement in den Wintermonaten beschränkt war, muss ich jetzt umso mehr investieren. Denn meine Ambition ist klar: über mehrere Monate kein Gemüse einkaufen zu müssen, mir eine Teilautonomie zu schaffen. Ich will soviel produzieren, dass auch meine Heinzelmännchen (sie schauten während meiner Abwesenheit unregelmässig auf dem Terrain vorbei) davon profitieren und ich genügend Konserven für den Winter machen kann. Den aktuellen Mangel kompensiere ich mit Tauschgeschäften unter befreundeten Gärtner: in der letzten Saison getrocknete Kräuter oder ein coup de main gegen etwas Gemüse. Das Gros der stärkehaltigen Nahrungsmittel und Milchprodukte kaufe ich ein, darum komme ich derzeit nicht herum. Eier erhalte ich hie und da von Freunden. Früchte sammle ich wild oder auf verlassenen Obsthainen. Fleisch will ich mir erst gar nicht leisten.

Die Kulturen, die ich anbauen werde, passe ich den Voraussetzungen vor Ort an: viel Wasser zehrendes Gemüse wird einzig in kleinen Mengen ausgesät. Ich sammle zwar das Regenwasser, doch fliessend Wasser habe ich nicht. Ich sehe das als Herausforderung. Deshalb fokussiere ich mich u.a. auf anspruchslose Leguminosen wie Kichererbsen oder Linsen und mehrjährige Kräuter wie Origano, Majoran oder Salbei, welche Trockenheit mögen. Winterweizen und Roggen baue ich für die Mehlherstellung an; Kürbisse und Kartoffeln erhalten ihr eigenes Beet; Tomaten, Zucchetti, Rüebli und so weiter werden auf zwei Hügelbeeten gemischt angebaut.

Giggerig sei ich, habe ich immer wieder gesagt, als mich Leute nach meinem Gemütszustand fragten, während ich vorübergehend in der Schweiz weilte. Zuletzt wurde ich fast nervös, weil ich wusste, dass in diesem Jahr wegen den milden Temperaturen ein früherer Start der Aussaaten drin gelegen wäre. So half ich wo ich konnte bei der Lancierung diverser Gemüsegärten von Freunden. Mein in den letzten Jahren selbst produziertes Saatgut konnte ich so schon mehrmals weitergeben. Das freut mich: denn echte Selbstversorger-Autonomie hat erst, wer das Saatgut nicht teuer erstehen muss!

Die temporäre Absenz im Garten hat mir gezeigt, dass sich die bereits ausgesäten Kulturen auch ohne tägliche Pflege gut zurechtfinden. Jetzt beschäftigt mich, dass für die nächsten zwei Wochen kein grösserer Regen angekündigt ist. Denn für die Direktaussat der Leguminosen auf mehr als 100m2 benötige ich zwingend mehr als nur einen Nieselregen. Sonst wird mein gewonnenes Regenwasser schon früher weg sein als mir lieb ist.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. April 2014 von in Lesen_Lire, Selbstversorgung+.

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