… « zwischen »  den Zeilen und den Erdschichten … « entre » les lignes et la terre

@Marché de Noël à l'îlot13, Samedi 16/12 @studying in Geneva!

Milde Zwiebel und grün-braun gefleckter Salat

* dieser Text ist in leicht abgeänderter Form in der Oya (Ausgabe Mai/Juni 2014) erschienen. erstellt: anfangs April.

Die Biodiversität ist bedroht, in Frankreich und in ganz Europa. Durch neue Gesetze soll die traditionelle bäuerliche Samenvermehrung, deren Verwendung und Verkauf stark eingeschränkt werden. Dagegen kämpft seit Jahren das südfranzösische Collectif des Semeurs du Lodèvois-Larzac.

Tarassac. Ein Weiler im Orb-Tal in Südfrankreich, im regionalen Naturpark Haut Languedoc. Yves Giraud, pensionierter Gemüsegärtner und leidenschaftlicher Samenvermehrer, machte dort vor Jahren eine wegweisende Entdeckung: die Oignon doux de Tarassac; eine milde Zwiebel, sozusagen der Cousin der geschützten Zwiebelsorte Doux des Cévennes, die weit herum als traditionelle Sorte bekannt ist. Nur konserviert sich Girauds Zwiebel besser als ihr Cousin. Für den Biopionier im Haut Languedoc eine wichtige Eigenschaft. Ohne Girauds hartnäckiger Suche wäre die Zwiebel in Vergessenheit geraten – ja gar verschwunden. Jetzt ist sie auf die Teller der Lokalbevölkerung zurückgekehrt.

Die Oignon doux de Tarassac spielt eine zentrale Rolle in den Bestrebungen des Vereins Collectif des Semeurs du Lodèvois-Larzac. Er setzt sich für die Erhaltung der lokalen Gemüsevielfalt ein. Ende Januar organisierte das Kollektiv zum zweiten Mal ein winterliches Saatgutfest in der südfranzösischen Kleinstadt Lodève. Giraud hatte die Zwiebel mitgebracht, um sie anderen Gärtnerinnen zur Vermehrung zu übergeben. Nur durch ständige Wiederaussaat – insbesondere in Amateurgärten – kann eine Sorte nachhaltig vom Aussterben geschützt und ihre genetische Variabilität aufrechterhalten werden. 2013 wurden am Saatgutfest in Lodève erstmals auch kleine Saatmengen der besonderen Zwiebel verkauft. In den Handel gelangt sie ebenso über zwei kleine französische Biosaatgutvertreiber.

Erfolgreiche Besetzung in Paris
Die beiden Biosaatgutvertreiber und das Kollektiv bewegen sich mit ihren Bestrebungen in einer rechtlich umstrittenen Situation. In Frankreich wird aktuell das Gesetztestext sur les contrefaçons verschärft. Intellektuelle oder kommerzielle Fälschungen bzw. Nachahmungen sollen künftig härter bestraft werden. Hineinpacken in dieses Gesetz wollte die Regierung anfänglich auch das Saatgut, was für viele Bäuerinnen ein absoluter Irrsinn darstellte. Nach der Besetzung der Lokalitäten der nationalen Saatgut- und Pflanzengruppierung (GNIS) in Paris durch die links-ökologische Bauerngewerkschaft Conféderation paysanne konnte ein Zugeständnis der Regierung erzwungen werden, dass die Semences de ferme (gemeint sind: auf den Bauernhöfen seit Jahren verwendetes und multiplizierte Saatgut, dessen Ursprung zertifiziertes, gekauftes Saatgut ist) darunter fallen; allerdings gilt dies vorerst nur für 21 Sorten. Alle anderen Sorten, darunter auch die Semences paysannes (gemeint sind: auf den Bauernhöfen seit Jahrzehnten und Jahrhunderten verwendetes, multipliziertes und getauschtes altes Saatgut; es stammt meist aus der Zeit vor der varietalen Selektionierung der Sorten im 19. Jahrhundert.), fallen nach wie vor unter das 2011 verabschiedete Gesetz, das für jede Sorte ein Zertifikat fordert. Deshalb kämpft die Conféderation paysanne mit ihren Verbündeten weiter. Denn nur durch eine Anpassung der Brevetierungs- und Zertifizierungsregelungen im bevorstehenden neuen Landwirtschaftsgesetz kann die Gemüsevielfalt gerettet werden.

Die Gesetze, die heute verschärft werden sollen, zeichneten sich schon vor Jahren ab: bereits 1961 haben mehrere grosse Saatguthersteller den internationalen Verband zum Schutz von Pflanzenzüchtungen (UPOV) gegründet. Die zwischenstaatliche Organisation dient noch heute als Waffe zum Aufbau eines Monopols im Saatgutmarkt. Damals war es sich die Bauernschaft noch gewöhnt, das verwendete Saatgut selbst herzustellen. Doch die angebauten Flächen vergrösserten sich rasch, und bald stiess die Sortierung des Saatguts an technische Grenzen. 1983 sank der garantierte Preis für Weizen in Frankreich, während der Preis für das Saatgut stieg. Deshalb boten immer mehr Unternehmen und Kooperativen an, das Saatgut auf Bauernhöfen vor Ort und nach Wunsch zu sortieren; die so genannte Triage à facon à la ferme wurde geboren. Der Verkauf und die Verwendung von zertifiziertem Saatgut ging markant zurück, die Saatguthersteller waren beunruhigt. Zusammen mit dem Ministerium für Landwirtschaft unterzeichneten 1989 das GNIS und die mitte-rechts Bauerngewerkschaft FNSEA das „Abkommen vom 4. Juli“. Mit diesem sollte künftig der Sortierungsservice verboten werden. Eine Hiobsbotschaft für die französische Landwirtschaft. Millionen von Bauern und Sortierer wehrten sich aber erfolgreich gegen das Abkommen, doch nur zwei Jahre später, auf der vierten UPOV-Konferenz in Genf, insistierte Frankreich und versuchte ein totales Verbot für die Semences de ferme einzuführen – vorerst ohne Erfolg. 2011 dann nimmt das französische Parlament die UPOV-Forderung an, ein Zertifizierungsobligatorium auf alle Semences de ferme einzuführen.

Nicht nur die Landwirtschaft ist betroffen – sondern wir alle
Am Saatgutfest in Lodève klärte Michel Metz, Administrator des Biodiversitäts-Netzwerkes Réseau Semences Paysannes, die Anwesenden über den aktuellen Stand der Dinge auf und informierte über die laufende Kampagne Semons la biodiversité, die sich für ein Gesetz einsetzt, das das alt überlieferte Wissen der Bauern durch die Befreiung der semences de ferme et paysannes verankern soll. „Wir müssen uns gegen die Aneignung des Lebenden durch die Saatgut- und Biottech-Firmen wehren“, sagte Metz. 2010 besassen die zehn grössten Saatgutfirmen, allen voran Syngenta, Bayer Crop und Monsanto mehr als 75 Prozent Anteil am gesamten Saatgutweltmarkt. Zum Vergleich: 1985 teilten sich 7000 Firmen, mit weniger als je ein Prozent Anteil, den Weltmarkt unter sich auf. Metz hält dem Treiben der Multis die kultivierte Biodiversität entgegen. „Hier ist der Reichtum der Erde.“ Der Reichtum der Biodiversität hängt laut ihm von der Genetik, dem Territorium und den kulturellen Praktiken ab.
Genau diese kultivierte Biodiversität ist aber wegen den geplanten Gesetzen in Gefahr. Das erste Glied der Nahrungskette soll privatisiert und der Bauer oder die Bäuerin verpflichtet werden, alljährlich Saatgut zu kaufen. Der Kampf dagegen ist längst nicht mehr nur eine landwirtschaftliche Frage – sondern ein akutes Gesellschaftsthema. Und das nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa.

Präzedenzfall Kokopelli
Die Verhandlungen zu einer neuen EU-Saatgutgesetzordnung sind am Laufen und wollen den Vertrieb nicht registrierter alter Erhaltungssorten stark einschränken. Wegweisend für die Bestrebungen der Europäischen Kommission ist der Präzedenzfall Kokopelli. Der französische Verein, der seit Ende der 90er Jahren Saatgut vermehrt und vertreibt, verlor im Juli 2012 einen Prozess gegen Graines Baumaux; Kokopelli soll Baumaux, so bestätigte der Europäische Gerichtshof, wegen „Desorganisation des Saatgutmarktes“, konkret wegen des Verkaufs alter Sorten, die nicht im offiziellen Samenkatalog registriert waren, 100’000 Euro Schadenersatz zahlen. Das Verfahren ist noch immer hängig.

Restriktive Zulassungsbedingungen für vielfältige Sorten
Anfangs März wurde die im Mai 2013 von der EU-Kommission vorgeschlagene Verordnung zur Erzeugung von Pflanzenvermehrungsmaterial und dessen Bereitstellung auf dem Markt vom europäischen Parlament entschieden zurückgewiesen (511:130 Stimmen). 80 Prozent der Parlamentarierinnen sprachen sich für eine verbindliche legislative Entschliessung aus. Die EU-Kommission wird damit beauftragt, einen neuen Gesetzesvorschlag zu machen.
Der Entscheid ist auch diversen Petitionen zu verdanken, so z.B. der im November eingereichten, deutschen Petition „Saatgutvielfalt in Gefahr – gegen eine EU-Saatgutverordnung zum Nutzen der Saatgut-Industrie“ zu verdanken. Darin heisst es, „eine neue EU-Saatgutverordnung muss für Vielfaltssorten, bäuerliche Sorten und Öko-Züchtungen geeignete Voraussetzungen schaffen.“ Und: Vielfaltssorten müssten nicht nur in Genbanken, sondern ohne Bürokratie auf dem Markt verfügbar sein können. Deshalb fordert die Petition eine Aufhebung der amtlichen Zulassungspflicht.
Bei den derzeitigen Zulassungsbedingungen für den Sortenkatalog gilt das DUS-Prinzip: die Sortendefinition hängt von den drei Kriterien Distinctness (Unterscheidbarkeit), Uniformity (Homogenität) und Stability (Unveränderlichkeit) ab. Das DUS-Prinzip verkörpert die Zuchtziele der Saatgut-Industrie: geringe Variabilität über die Zeit, geringe Populationsdichte und scharfe Grenze zu anderen Sorten. Beispiele sind die zahlreichen F1-Hybride.
Diesen Kriterien gegenüber stehen die alten vielfältigen bäuerlichen Sorten, die nicht in ein Zuchtkorsett gezwungen werden wollen. Aktuell gelten die 2009 bestimmten EU-Richtlinien zu Erhaltungs- und Amateursorten, welche sehr einschränkend sind. In Deutschland wurden sie in einer Verordnung umgesetzt. Die EU verhindert damit, dass Erhaltungssorten unkompliziert verbreitet werden können. Andreas Riekeberg von der Kampagne für Saatgut-Souveränität schreibt: „Nun wird es darauf ankommen, das gegenwärtige – durchaus auch restriktive EU-Saatgutrecht – den Erfordernissen der Erhaltung und Ausweitung der Sortenvielfalt anzupassen.“ Er fordert einen „vernünftigen Rechtsrahmen“.

Saatguthaus in Lodève (F) ensteht
Yves Giraud und das Collectif des Semeurs du Lodèvois-Larzac verfolgen die Geschehnisse hautnah. Und bauen parallel Alternativen auf. Sie organisieren nicht nur Saatgutfeste, am 18. Mai steht schon wieder eines an, sondern sind seit mehreren Jahren damit beschäftigt, ein Saatguthaus auf die Beine zu stellen. Ein Dutzend Gemüsbauerinnen und Amateurgärtnerinnen aus der Region treffen sich regelmässig, um gemeinsam Strategien zu erarbeiten, die auf Dauer die Biodiversität nicht nur in und um Lodève und dem Larzacgebiet, sondern bis weit ins Haut Languedoc und Minervois hinein bewahren sollen. Kultiviertes Saatgut wird jährlich untereinander ausgetauscht; seit diesem Jahr wird auch koordiniert, welche Sorten in dieser Saison wo und durch wen vermehrt werden. Zurück aufs Teller der Lokalbevölkerung und in ihr Bewusstsein haben so nicht nur die Oignon doux de Tarrasac gefunden, sondern auch der grün-braun gefleckte Batavia-Salat Moucheté de Salasc.

Links:
Europäische Saatgutkampagne
Die Saatgut-Retter (2014): ein Film von Anja Glücklich

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Mai 2014 von in Lesen_Lire.
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