… « zwischen »  den Zeilen und den Erdschichten … « entre » les lignes et la terre

@ University in Geneva

Fast in der Scheisse stecken geblieben

* dieser Text erscheint in leicht gekürzter Version im Zeitpunkt-Magazin (Ausgabe Juli/August 2014) unter Pascous Selbstversorger Journal. Erstellt: Ende Mai.

Ich atmete Mitte April auf, als das Warten auf den Regen ein Ende fand. Während einer Woche herrschte günstiges Gemüsewetter: ein kontinuierlicher schwacher Regen, dazwischen immer wieder Sonnenstrahlen. Den gesäten Kichererbsen und Linsen gefiel das bestens, sie sprossen einwandfrei. Seither warte ich erneut auf Regen. Die gezogenen Jungpflanzen lechzen nach Wasser – wegen meinem knappen Wasserhaushalt, kann ich sie damit aber nur zweimal die Woche beglücken. Sie lernen damit schon früh, mit wenig Wasser auszukommen. Unterdessen hatte ich mich zwar mit einem Nachbarn geeinigt, bei ihm hie und da eine Spritzkanne in seinem rund 150m entfernten Wasserkanal füllen zu dürfen. Nur ist auch dieser derzeit ausgetrocknet. Die Orb, die Wasserquelle des Tales und Wasserspender des Kanals, weist ein sehr niedriges Niveau auf. Weiter oben, beim Stausee in Avène, wird das Wasser bereits zurückgehalten. Der Grund, so hat man mir erzählt: um die Kanu-Touristen flussabwärts in den Sommermonaten nicht zu verlieren. Tss. So schleppte ich mehrmals Wasserbidons vom Fluss bis aufs Terrain. Das Bangen um den Wasserhaushalt geht also weiter – und manchmal frage ich mich, wie kann das nur gut kommen, wenn im Hochsommer die Hitzewelle eintritt?

Die Kefen und Saubohnen störte das aber kaum: sie bringen mich aktuell über die Runden, mindestens zweimal pro Woche ist die Ernte ergiebig. Junger Knoblauch gibt meinen – zugegeben – eintönigen Gemüsetellern die nötige Würze. Trotzdem lacht mein Selbstversorger-Herz jedes Mal, wenn ich eine Gabel voll nehme und weiss: alles aus diesem Teller ist in meinem Garten gewachsen! Unterdessen verzehre ich auch Radieschen und Rukola, der Spinat ist allerdings schon am schossen, die ersten roten Gartenmelde-Blätter können dagegen bald geschnitten werden.

Auch pikiere ich jetzt diverse Starkzehrer wie Kürbisse, Zucchini oder Tomaten ins Freiland. Für sie steckte ich einen Tag lang in der Scheisse. Wahrhaftig, und atmete dabei gehörig Ammoniak ein. Zusammen mit zwei Freunden mistete ich einen 50m2 grossen Lammstall aus. Manchmal steckte die Mistgabel fest – so fest gepresst war der auf 40 cm angesammelte Mist, den ich nun bei mir auf dem Terrain kompostiere. Als Gegenleistung erhielt ich aber auch guten, über zwei Jahre kompostierten Mist. Noch mehr von diesen Schlemmer-Pflanzen habe ich von einer Setzlings- und Samentauschbörse mitgebracht. Die lokale Gärtnerszene vereinte sich Mitte Mai in Lodève. Dort wurde mir endlich das Geheimnis dieses Gliederfüsslers gelüftet, der überall auf meinem Terrain herumkraxelt. Ich schmunzle jeweils, wenn ich ihn berühre: das 10mm grosse, schwarze Insekt rollt sich dann nämlich abrupt zusammen und verwandelt sich in ein „Mini-Bolei“. Jetzt weiss ich: es handelt sich um eine Rollassel, die zu den Erstzersetzern im Tierreich gehört und für die Zersetzung von organischem Material sehr hilfreich ist. Was mir für eine optimale Kompost-Aktivierung des Misthaufens noch fehlt, ist der Kompostwurm: dieser dünne, rosene Wurm ist nicht mit dem längeren, meist dickeren Gemeinen Regenwurm zu verwechseln. Ihn werde ich wohl aus einem schon bestehenden Kompost importieren müssen!

Drei Wochen im Vorsprung war dieses Jahr der Holunder. Seine weissen Blüten bedeuten für mich alljährlich der Start in die Weiterverarbeitungssaison: Sirup, Champagner, Wein ist schon im Kasten. Davon ernähr ich mich zwar nur schlecht, doch die Getränke diversifizieren die hiesige Apéro-Kultur, die im Südfrankreich sehr Pastis und Wein lastig ist. Direkt ab Baum verzehrt werden derzeit Kirschen; noch warte ich aber zu, um Konfitüre zu machen. Ich beobachte intensiv die Reife der Früchte der ausfindig gemachten wilden Bäume. Genauso wie die sich langsam öffnenden Lindeblüten. Sie werden dann getrocknet und später als erfrischender Kräutertee getrunken.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. Juli 2014 von in Lesen_Lire, Selbstversorgung+.
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