… « zwischen »  den Zeilen und den Erdschichten … « entre » les lignes et la terre

@ University in Geneva

Die Ruhe vor dem Überfluss

* EXCLUSIV als Vorabdruck: dieser Text wird in leicht abgeänderter Version im Zeitpunkt-Magazin (Ausgabe September/Oktober 2014) unter Pascous Selbstversorger Journal erscheinen. Erstellt: Ende Juli.

Was ich tue, finde ich nicht besonders speziell. Ehrlich, ich mein, die fast tägliche Arbeit in meinem Garten ist für mich selbstverständlich, da ich besessen bin, mein eigenes Gemüse herzustellen. Ich sage mir: warum sollte ich meine Arbeitskraft verkaufen, um Geld zu verdienen, womit ich mir Essen kaufen kann, wenn ich anstelle direkt mein eigenes Futter kultivieren kann? 

Ich bin überzeugt von dem, was ich mache, und habe eine Aktivität gefunden, die mich erfüllt und zufrieden macht. Wenn ich im Garten bin, bin ich fern von all den Aufgeregtheiten des Alltags. Ich bin mit mir im Reinen. Klar, es braucht Leidenschaft und Idealismus und vor allem die Bereitschaft Zeit zu investieren. Manchmal ist es auch ein Krampf, aber ein schöner. Schlussendlich sehe ich mein Selbstversorger-Experiment aber auch als Herausforderung mit mir selbst: wenn ich nicht säe, pflanze und pflege, dann ernte und esse ich auch nichts. Das ist mein Ansporn. Ich will an dieser Stelle aber nicht unerwähnt lassen, dass ich hier, im Haut Languedoc, ein intaktes soziales Umfeld habe: befreundete Gemüsegärtner, FreundInnen und meine Teilzeit-WG verleihen mir insofern Sicherheit, da ich auf sie zählen kann, sollte ich einmal einen bedeutenden Ernteausfall beklagen.

Bis jetzt habe ich aber noch immer etwas zum Ernten gehabt. Um mindestens einmal täglich reichlich Gemüse verzehren zu können, war ich anfangs Saison noch stark von Tauschgeschäften abhängig. Doch seit Ende Juni ist der Garten am Explodieren. Endlich habe ich auch mehr Auswahl, was ich essen will: rote Gartenmelde, Mangold, Kohlrabi, junge Randen, Kartoffeln, Zucchetti, frische Kichererbsen, Bohnen und frische Kräuter wie Koriander, Rukola oder Senfkraut. Meine salades garnies mit jungen Mangoldblättern und der roten Gartenmelde von Richterswil, gewürzt mit frischen Kräutern sind schon fast berühmt. Wo auberge espagnole angesagt ist, tauche ich mit diversem Grünfutter auf.

Das freut vor allem meine Teilzeit-WG, wo ich 2-3 Tage pro Woche bin. Seit anfangs Juni miete ich ein Zimmer, das ich allerdings nicht im klassischen Sinne bewohne: ich brauche es als Lagerraum und trockne dort diverse Kräuter (aktuell Oregano, Ysop) und Saatgut (aktuell: Saubohnen). Geschlafen wird in meinem VW-Bus, meinem eigentlichen Zuhause. So erhalte ich mir ein klein wenig das so geliebte on-the-road-Gefühl! Denn die Bewirtschaftung eines Stücks Land bindet, ob man will oder nicht. Bleibe ich mehrere Tage meinem Terrain fern, fehlt es mir – und vor allem sorge ich mich um meine Kinder, die Jungpflanzen! Wohnen auf meinem Terrain ist leider nicht möglich, weil das Land als Naturzone deklariert ist. Kurzfristig werde ich deshalb weiterhin mal hier und mal da wohnen. Langfristig wünsche ich mir eine dauerhafte Lösung: ich träume von einer grossen Selbstversorger-Gemeinschaft!

Erst jetzt, Mitte Juli, sind wochenlange Hitzewellen vorprogrammiert. Zu meinem Glück regnete es zuletzt häufig, fast täglich ein Gewitter. So sind meine zwei Bidons (je 120 Liter) voll mit Regenwasser gefüllt. Zudem fliesst das Wasser wieder im Kanal beim Nachbarn. Die Touristen sind wohl angekommen… Ich bin also zuversichtlich für die kommenden Monate, auch wenn ich wohl erst im September aus dem Vollen werde schöpfen können. Auberginen, Paprika oder Melonen sind erst in der Blütenphase. Derzeit pikiere ich fleissig Winter-/Frühlings-Kohl, und bald wird der erste Nüsseler ausgesät. Am Laufen ist derzeit die Winterweizen-Ernte. Mit der Sichel wurde das Korn auf 100m2 Fläche geschnitten und anschliessend gebündelt. Die Garben trocknen jetzt noch einige Tage auf dem Feld, bevor das Korn von Hand geschlagen, also die Spreu vom Weizen getrennt und dann gemahlen wird. Die Ernte wird also à l’ancienne zelebriert, wie man so schön im Französischen sagt. Und das wird natürlich mit meinen Heinzelmännchen geteilt und gefeiert!
Erntet eigentlich heutzutage in unseren Breitengrade noch jemand seinen Weizen von Hand, so wie früher? Und sowieso: gibt es unter euch, liebe Zeitpunkt-LeserInnen, leidenschaftliche GärtnerInnen, die Selbstversorger-Ambitionen haben? Ich habe noch viel zu lernen und würde mich freuen mich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Schreibt mir also!

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Ein Kommentar zu “Die Ruhe vor dem Überfluss

  1. Stefan Ruchli
    3. August 2014

    Sali Pascou!
    coole Bricht, i drösche, jedoch nid vo Hand, dörfsch aber gern mou cho mitfahre wenn luscht hesch 😉
    lg Ruchli

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Juli 2014 von in Lesen_Lire, Selbstversorgung+.
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