… « zwischen »  den Zeilen und den Erdschichten … « entre » les lignes et la terre

@Marché de Noël à l'îlot13, Samedi 16/12 @studying in Geneva!

(d) Kokon zwischen Populärkultur & Bourgeosie

Heute bezieht die Schweizer Nationalmannschaft ihr EM-Camp in Südfrankreich. Ein Augenschein vor Ort.

Text* und Bilder von Pascal Mülchi

Vorwiegend Leute mit maghrebinischem Ursprung feilschen um Ware. Stoffe, Kleider, Nahrung. Mehrheitlich auf Arabisch. Minzentee wird geschlürft. Couscous serviert. Der lebendige Markt befindet sich unweit des Schweizer EM-Trainingcamps. „Hier ist Afrika und da drüben Europa“, sagt Remy, ein marrokanischer Marktverkäufer, lachend. Mit hier meint er das populäre Quartier La Mosson im Nordwesten Montpelliers. Mit dort die angrenzende Gemeinde Juvignac, wo sich die Schweizer im Vichy Spa Hotel niederlassen werden. Es liegt nur einen Steinwurf entfernt, auf der anderen Seite des Flusses.

Da drüber sollte Lichtsteiner & Co. mit den Elektrobikes?

Ins Training mit dem Velo? Hier drüber sollte Lichtsteiner & Co. mit den Elektrobikes ursprünglich…

Das 4-Sterne-Hotel, das die Schweiz während der EM privatisiert, liegt inmitten der ruhigen und grünen, 80 Hektar grossen Domaine de la Fontcaude. Gut bürgerliche Neubausiedlungen in modernem Stil grenzen an das Hotel im Westen. Im Norden und Osten berührt es den internationalen 18-Loch-Golfplatz. Im Süden liegt der Fluss La Mosson. Qualitativ hochwertige Wasserquellen befinden sich im Boden. Bei der Eröffnung des Vichy Spa Hotel vor zwei Jahren hat das Etablissement in die Wiederaufwertung dieser investiert. Ein grosser Spa-Bereich wurde eingerichtet.

GregoryAnquetil

Grégory Anquetil, der Sport-Verantwortliche des Vichy Spa

Es ist richtig warm – im diesjährigen Frühling eine Seltenheit – wenn ich Mitte Mai in Montpellier bin. Im Juni ist es durchschnittlich 21 Grad warm. Den Weg vom Markt zum Hotel mache ich mit dem Velo. Es dauert etwas länger als die vom SFV angegebenen sieben Minuten. Yannick Rappan, Medienbeauftragter des Verbands, sagte mir im Vorfeld: „Der Trainer wird entscheiden, ob wir dem Velo ins Training gehen.“ Doch macht die Schweiz das wirklich? Eine Passerelle ist zwar nicht weit vom Hotel entfernt, aber das Terrain entlang dem Fluss ist sehr vage. „Ursprünglich hatten wir Elektrobikes vorgesehen“, sagt Grégory Anquetil, der Sportverantwortliche des Hotels. „Doch angesichts der Sicherheitslage wird das Team mit dem Bus zum Stadion fahren.“ Das dauert dann neun Minuten.

In Frankreich wurde jüngst der Ausnahmezustand verlängert. Während der EM werden mehr als 70’000 Sicherheitskräfte im ganzen Land im Einsatz stehen. Montpelliers Bürgermeister Philippe Saurel versichert: „Der Staat wird während der EM für die Sicherheit der Equipen sorgen. Wir werden das Unsrige beitragen.“ Das Schweizer Zuhause wird quasi unter Quarantäne gestellt. Freizeitaktivitäten dürften limitiert sein.

Aussicht vom Vichy Spa auf den Pétanque-Platz (links unten) und aufs Stade de la Mosson (im Hintergrund)

Aussicht vom Vichy Spa auf den Pétanque-Platz (links unten) und aufs Stade de la Mosson (im Hintergrund)

Aus dem zweiten Stock des Hotels sehe ich das 32’900 Zuschauer fassende Stadion. Es ist ganz nah. Rund 500 Meter Luftlinie. Imposant wirkt es nicht, die vielen hohen Wohnblocks sind ihm ebenbürtig. Eine halbe Drehung genügt, um die Aussicht auf den Golfplatz und die Garrigue zu geniessen. Die offene mediterrane, für Südfrankreich typische, Busch- und Strauchvegetation ist hier in Juvignac von Villenquartieren durchsäumt. Juvignac: die an Montpellier gewachsene 8000-Einwohnergemeinde mit hohem Lebensstandart. Eine Tramlinie verbindet sie mit dem Zentrum der Mittelmeer-Metropole.

 

Aussicht vom Nordtrakt der Zimmer auf den Golfplatz, im Hintergrund Juvignacs Villenquartiere

Aussicht vom Nordtrakt der Zimmer auf den Golfplatz, im Hintergrund Juvignacs Villenquartiere

Die Zimmer der Mannschaft werden alle im Nordtrakt des Hotels sein, mit Sicht auf dieses behutsame Ensemble. „Wir wollen den Spielern und der Equipe hundertprozentige Ruhe gewähren“, erklärt Anquetil. Er spricht von einem havre de calme, einem Ruhepol mit besten Regenerationsmöglichkeiten, von dem die Schweizer profitieren sollen. Er, der mit Frankreich zweimal Handball-Weltmeister wurde und hier im Vichy Spa die Ankunft der Schweizer minutiös vorbereitet. Dann bedient er sich der wohl wahrsten Sportfloskel, dass es die kleinen Dinge am Schluss ausmachen werden. Zum Beispiel? Den Rasen zwischen 14 und 16 Uhr nicht mähen, das Essen zum richtigen Zeitpunkt und mit der richtigen Temperatur servieren oder die extra angeschaffene Bettwäsche, die die Regeneration fördert.

Der Aussenbereich des Vichy Spa wurde extra für die Schweiz begrünt.

Der Aussenbereich des Vichy Spa wurde extra für die Schweiz begrünt.

Seit Monaten wird hinter den Kulissen am Empfang der Schweizer gearbeitet. Noch deutet beim Besuch der Räumlichkeiten nichts auf die nahende Ankunft hin. Seit Ende Dezember klar wurde, dass die Schweizer das Rennen gegen Teams wie England oder Schweden gemacht haben, hat sich aber einiges verändert. Der Aussenbereich mit einem 60m2 Pool wurde begrünt und neu eingerichtet. Vor dem Hoteleingang ist ein Pétanque-Platz entstanden. Die Internetverbindung wurde erneuert. Noch ist der Hotelbetrieb normal. Ab dem 5. Juni wird das Hotel erstmals seit seiner Eröffnung privatisiert und ganz nach den Wünschen der Schweiz eingerichtet. So wird zum Beispiel der Frühstückssalon des edlen Restaurants in einen Spielsalon umgewandelt: mit Billard-Tisch, Töggeli-Kasten und Grossbildschirmen. Für Teambesprechungen hat die Schweiz einen – zum Erstaunen der Verantwortlichen – kleinen Seminarraum gewählt: ein Kokon um den Teamspirit zu fördern. Gut denkbar.

Da wird die Schweiz ihre Teamsitzungen abhalten... das Kokon für die Teambildung!

Da wird die Schweiz ihre Teamsitzungen abhalten… das Kokon für die Teambildung!

99 Zimmer stehen der 52-köpfigen Delegation zur Verfügung. Die Zimmer sind in Anthrazit und Beige eingerichtet, ohne grossen Schnickschnack, dafür sind sie geräumig und mit Balkon. Der Spa- und Regenerationsbereich ist luxuriös: ein 212m2 grosses geheiztes Pool mit integriertem Jacouzi befindet sich im Untergeschoss. Ebenso das Hammam, die Sauna, der Fitnessraum und der Raum für die Kryotherapie. Die gezielte, lokale Anwendung von Kälte erlaubt eine schnellere und aktive Erholung und entgiftet bei physischen Problemen. „Ein grosser Vorteil für die Sportler während des Turniers“, so Anquetil. Der 45-Jährige ist überzeugt: „Das Vichy Spa ist ideal für die Schweizer: ein ruhiger und diskreter Ort. Und wir werden dafür sorgen, dass wir präsent sind, ohne sie zu stören.“

 

Während draussen die Vögel zwitschern und Rosmarinduft in der Luft schwingt, braust der Hoteldirektor Nicolas Bayard zum Interview an. Wie Anquetil ist auch er: jung, erfahren, dynamisch und zugänglich. Er kommt gerade zu ins Schwärmen, was den künftigen Empfang der Schweizer betrifft. „Aus meiner Sicht gab es einen coup de coeur (Anm. d. Red.: ein unvermittelt positives Gefühl) als die Schweizer zum ersten Mal hier waren“, sagt der 38-Jährige.

Der Hoteldirektor: Nicolas Bayard

Der Hoteldirektor: Nicolas Bayard

Bayard schätzt die direkte und offene Art der Schweizer. „Es war eine sehr konstruktive und effiziente Vorbereitung.“ Wenn die Schweiz am 20. Juni in Lille gegen Frankreich spielt, dann wird es speziell für ihn: seine Gäste werden in der Stadt spielen, wo er aufgewachsen ist. Und das gegen seine Nation. „Das wird zu einer emotionalen Herausforderung.“ Soweit ist es aber noch nicht. Bayard: „Erstmals kann ich es kaum erwarten, dass die Schweizer endlich ankommen. Wir sind bereit.“

 

Der grasgrüne Hybridrasen

Der grasgrüne Hybridrasen

Zurück auf die andere Seite des Flusses. Jean-Pierre Blanchet, Verantwortlicher des Stade de la Mosson, führt mich durch das Stadion. Es dominieren orange und blau, die Farben des Montpellier HSC. Der Verein mietet das Stadion für seine Heimspiele, Besitzer ist der Gemeindeverband Montpellier Méditerranéen Métropole. Das Stadion wurde 1972 erbaut und für die WM 98 erweitert und renoviert. Das Bijou ist der Rasen. Laut einer offiziellen Rangliste der Viertbeste im Lande. 2014 wurde er wegen Hochwasser arg in Mitleidenschaft gezogen. 2015 wurde ein Neuer installiert. Ein Hybrid-Rasen, gesät auf synthetischen Fasern und Korkspänen. Er wird gerade gemäht und gedüngt als wir das Stadion besichtigen. So schönes Grasgrün habe ich lange nicht mehr gesehen. Die Schweizer werden sich freuen. Die Garderobe dagegen ist schon fast gewöhnlich. Die Sanitäranlagen erinnern mich an meine Fussballzeit in der Solothurner Provinz. Hier ist einfach alles viel grösser und – zugegeben – imposanter, im Wissen, dass sich hier bald die Schweizer Stars einnisten werden.

Da werden sich die Stars einnisten...

Da werden sich die Stars einnisten…

In der dynamischen Sport- und Kulturstadt Montpellier, die nur sieben Kilometer vom Meer entfernt ist, hat Fussball laut Blanchet „keine grosse Bedeutung“. Der MHSC hat die Saison auf dem 12. Rang beendet. Für Furore sorgte kürzlich das Rugby-Team der Herren: es gewann den Europacup. Die Stadt stellt acht Frauen- und Männer-Teams auf höchstem nationalem Niveau. „Wir sind nach Paris die sportlichste Stadt Frankreichs“, freut sich Bürgermeister Saurel, der auch den Gemeindeverband präsidiert. Bei den Frauen wurde Montpellier von der nationalen Sportbibel L’Equipe gar zur Sportstadt Nummer eins gekürt. Die Basketballerinnen feierten 2016 das Double. Regelmässig werden in der 245’000 Einwohner zählenden Stadt internationale Sportevents organisiert. „Wir haben beste Bedingungen für den Sport und sind es uns gewohnt Spitzenathleten zu empfangen“, erklärt Saurel. Und: „Wir sind geehrt hat die Schweiz uns als Zuhause ausgesucht.“

BeiDerArbeit_Zimmer

Der Journalist bei der Arbeit: hier bei der Zimmerbesichtigung im Vichy Spa

Eine offizielle Zeremonie ist für die Schweizer Delegation vorgesehen. Das Datum steht noch aus. Klar ist dagegen, dass am 6. Juni bei der Ankunft am Abend ein öffentliches Training im Stadion stattfindet. 2000 Tickets können in den 31Gemeinden des Verbands gratis abgeholt werden. Und wen unterstützt Saurel, der parteilose linke Politiker, der selber einst Fussball spielte? „Es erstaunt wohl nicht, dass ich für Frankreich bin. Falls das Team aber ausscheiden sollte, unterstütze ich die Schweiz und Italien.“ Italien? Die Italiener werden sich im Süden Montpelliers auf dem Campus des MHSC einrichten, womit Montpellier die einzige Stadt Frankreichs ist, die zwei Equipen beherbergt.

Juniorentraining

Juniorentraining vor den Toren des Stade de la Mosson

Zwei davon sind noch immer ohne Rasen. Auch sie wurden von den Überschwemmungen vor eineinhalb Jahren erfasst. Auf einem der Felder wurde kurzerhand ein Kunstrasen installiert. Eine junge Frau mit Kopftuch spielt mit ihrem Mann Fussball. „Achso, die Schweizer Nati kommt“, antworten die beiden fragend, als ich ihnen erzähle, dass die Schweizer bald im angrenzenden Stadion trainieren werden. Am Abend trainieren dann ein halbes Dutzend Juniorenteams auf dem Platz. Fussball ist im stark maghrebinisch geprägten Quartier sehr populär. Gespielt wird an jeder Strassenecke. Doch nur vereinzelt weiss man, dass die Schweizer bald ankommen. Ruhe scheint der Schweiz also auch hier garantiert. Während die Schweizer am 6. Juni die rund 20-minütige Busfahrt vom Flughafen in den Nordwesten Montpelliers antreten werden, laufen hier die Vorbereitungen auf den tags darauf beginnenden Ramadan.

 

* es handelt sich um den Originaltext der für die AZ Medien realisierte Reportage. Sie erschien in der Ausgabe „Schweiz am Sonntag“ vom 5. Juni unter dem Titel „Willkommen in Afrika“
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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. Juni 2016 von in EM 2016, Lesen_Lire und getaggt mit , .
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