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(d) Sich fürs Finale aufheizen

Die Grande Nation, Frankreich, und ihr kleiner Nachbar, die Schweiz, treten am Sonntag gegeneinander an. Eine Wahrnehmungstour in Montpellier, die über den Fussball hinausgeht.

Text und Bilder von Pascal Mülchi (Südostschweiz, 18. Juni 2016)

Im 16. Jahrhundert kamen die Basler Medizinstudenten Felix und Thomas Platter nach Montpellier. Philippe Saurel, der Bürgermeister der Mittelmeer-Metropole, ist den beiden Schweizern heute sehr dankbar: „Sie waren es, die als Zeitzeugen begonnen haben, das Leben der Einheimischen aufzuzeichnen.“ Der Fussball war damals noch nicht erfunden. Die Platters waren Protestanten und bei einer jüdischen Familie untergebracht. Und halfen dieser sich von der spanischen Inquisition zu schützen. Eine anspruchsvolle Herausforderung.

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Rif, der Partisane, im „Casa del Futbol“, das gleichzeitig auch „Cave à bières“ ist.

Vor einer solchen stehen am Sonntag auch die Schweizer Fussballer. Die Performance der Nati ist laut des Lokalblattes MidiLibre bislang „nicht überzeugend“. Ein Fussballbegeisterter drückt es so aus: „Ihre Leistung ist bis jetzt nicht die Spitze des Matterhorns.“ Und hängt an: „Das betrifft aber auch uns Franzosen.“ Beim Spiel gegen Rumänien mussten die französischen AnhängerInnen lange auf die Erlösung warten. Die Stimmung auf den Terrassen Montpelliers intensivierte sich in der zweiten Hälfte zwar kontinuierlich, war gespannt, doch die Fans blieben ruhig. Eine Charaktereigenschaft, die hier im Süden sonst eher den Schweizern nachgesagt wird.

Die Schweiz wird hier in Montpellier als gut strukturiertes, sauberes Land wahrgenommen in dem es sich angenehm leben lässt. „Ich habe ein sehr positives Bild von der Schweiz“, sagt Rif, der das Casa del Futbol in der Innenstadt führt. Bei ihm, der vor mehr als dreissig Jahren aus Marokko nach Frankreich gekommen ist, läuft vor dem Spiel nicht die französische Nationalhymne sondern ein Partisanenlied. „Fussball bei uns ist für alle und sehr populär. Der Fussball ist da zum Teilen“, sagt er, der Bier aus aller Welt verkauft. Den Schweizer Fussball schätzt er als „fortschrittlich“ ein und traut ihm ein weites Vorstossen zu. Er lacht: „Die Franzosen sind generös. Vielleicht lassen sie die Schweizer ja gewinnen.“

Lilous Loveshop: Echaufferz-vous pour la grande finale... Heizt euch für das grosse Finale auf... der Ball ist ein Masturbator für Männer!

Lilous Loveshop: Echaufferz-vous pour la grande finale… Heizt euch für das grosse Finale auf… der Ball in der Spielfeldmitte ist ein Masturbator für Männer!

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Bienvenue à la Suisse: Schweizer Fahnen in Montpelliers Innenstadt.

Noch Ende Mai deutete wenig darauf hin, dass die Schweiz hier in Montpellier ihr EM-Camp haben wird.

Bienvenue à l’Italie et la Suisse steht unterdessen auf in den Gassen der Innenstadt aufgehängten Fahnen. Der Loveshop Lilou Plaisir heizt die Stimmung regelrecht an: Echauffez-vous avant la grande finale! Heizt euch für das grosse Finale auf.

Laut Admir Mehmedi ist das Spiel gegen Frankreich wie ein Finale. „Wir wollen uns aus eigener Kraft qualifizieren und dieses Spiel gewinnen“, gibt er auf Französisch selbstbewusst bekannt. Und was ist mit der 2:5-Niederlage an der WM in Brasilien vor zwei Jahren? „Nach dem 0:5 nach 73 Minuten haben wir gut reagiert und noch zwei Tore geschossen. Das nehmen wir mit.“ Die Franzosen brüsten sich noch heute mit diesem Kantersieg. Er ist bei der Bevölkerung im kollektiven Gedächtnis verankert. Ein Junge, der die Schweiz am öffentlichen Training anfangs Juni bestaunte, erklärte: „Seit die Schweizer diese Klatsche erhalten haben, sind sie besser geworden. Aber gewinnen werden sie gegen Frankreich trotzdem nicht.“

Timtim, ein Fan mit tricolore im Gesicht, sagt: „Die Schweizer spielen einen guten Fussball. Eine Fussballkultur wie wir haben sie aber nicht. Was mich beeindruckt ist die Offenheit des Schweizer Volkes.“ Deshalb: „Ich wünsche mir, dass die Schweiz uns ins Achtelfinale begleitet. Unser aber nicht den ersten Platz wegnimmt.“

Die Ligue1-Spieler: Mubandje (links), Fernandes (in der Mitte).

Die Ligue1-Spieler: Mubandje (links), Fernandes (in der Mitte).

Timtim (ganz links): der Fan der die Offenheit der Schweiz schätzt.

Timtim (ganz links): der Fan, der die Offenheit der Schweiz schätzt.

Der Schweizer Fussball und das Land geniessen also den Respekt der Franzosen. Bürgermeister Saurel ist beeindruckt, dass ein so kleines Land eine derart grosse Kapazität hat, Sportchampions wie Federer hervorzubringen. Der Wissensstand beim Fussvolk über den kleinen Nachbar überzeugt aber nicht vollkommen: immer wieder kommt es vor, dass die Schweiz mit Belgien verwechselt wird und man glaubt, dass Genf die Hauptstadt ist. Den Franzosen ist aber nicht entgangen, dass die Generation Shaqiri, Xhaka & Co. viel Qualität hat. Nur die wenigsten trauen ihr aber mehr als ein Vorstossen in die Viertelfinals zu. Mit Gelson Fernandes (Stade de Rennes) und François Mubandje (Toulouse FC) spielen zwei Schweizer in Frankreichs Ligue 1. Beide sind Stammspieler bei ihren Clubs. Sie bestätigen diese respektvolle Haltung der Franzosen. Fernandes sagt: „Man spricht über uns und verfolgt unsere Entwicklung.“ Und Mubandje ergänzt: „Man weiss um unsere Qualitäten. Jetzt ist es an uns, diese auf dem Platz zu zeigen.“

Die beiden Schweizer Brüder Platter hatten anno dazumal die Herausforderung angenommen und ihre Erfahrungen in Form von Reisenotizen niedergelegt. Vielleicht meistert die Schweiz ja die anspruchsvolle Herausforderung gegen den EM-Gastgeber mit einem Sieg. Ein Sieg, der das kollektive Gedächtnis der Franzosen, insbesondere der EinwohnerInnen Montpelliers, nachhaltig prägen würde.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. Juni 2016 von in EM 2016, Lesen_Lire und getaggt mit , .
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