… « zwischen »  den Zeilen und den Erdschichten … « entre » les lignes et la terre

@ holi-day-work

(d) Die Schweizer Festung

Gestürmt habe ich das Hotel der Schweizer nicht, aber die Gendarmen waren doch sehr erstaunt, dass sich ein Journalist für das Sicherheitsdispositiv um das Vichy Spa interessiert. Ein nicht mehr aktueller Erfahrungsbericht, da die Schweizer schon lange aus Montpellier abgeflogen sind.

Text und Fotos: Pascal Mülchi

Da drüber sollte Lichtsteiner &Co. mit den Elektrobikes?

Da drüber sollte Lichtsteiner &Co. mit den Elektrobikes?

Über die Passerelle gelange ich vom populären Quartier La Mosson ins bürgerliche Juvignac. Da drüber hätten die Schweizer mit Elektrobikes fahren sollen. Die angespannte Sicherheitslage während der Euro untersagte dies. Platanen säumen den Damm des Flusses La Mosson, der das Quartier und die Gemeinde hier an der nordwestlichen Grenze Montpellier trennt. Ein Fluss, der schon oftmals über Bord getreten ist. Entsprechend ist der Zustand der Passerelle. Löcher, Betonstücke und Steine.

Ich hatte eigentlich schon hier einen Landjäger (fr.: gendarme) erwartet, der mir mitteilen würde, dass hier Endstation ist. Vorerst ist aber alles cool. Es ist frisch hier, im Schatten, denn sonst ist es seit anfangs Juni sehr heiss hier im Süden. Ich gehe weiter. Und treffe auf eine gemeindliche Verordnung vom 31. Mai in der folgendes steht:

„Um die Sicherheit der Schweizer Equipe während der EM zu garantieren, werden spezielle Bestimmungen und folgende restriktive Massnahmen getroffen (…)“:

ArrêtéMunicipal_Digue

Der Gemeindebeschluss & die beginnende Absperrung…

Artikel 1: Vom 6. Juni bis am 10. Juli 2016, zwischen dem Kreisel des Thermes und dem Vichy Spa Hotel, ist das Parkieren und das Begehen des öffentlichen und privaten Strassen strikte untersagt. Jedes unerlaubte Parkieren wird als störend betrachtet und zieht eine Abschleppung nach sich.

Artikel 2: Der Zugang zur Bar la Valadière ist während der gesamten Dauer des Events untersagt.

Artikel 3: Der Fussgängerbereich limitiert sich auf den markierten Bereich entlang des Damms, der den Zugang zum Quartier La Mosson erlaubt.

Artikel 4: Picknicken ist im Bereich des Kiosks und dem Pavillon mit den Quellen untersagt.

Artikel 5: Hunde müssen in der ganzen Zone zwingend an die Leine um Konflikte mit den Polizeihunden zu vermeiden.

(…)

Auch der Zugang zu den Quellengebäuden ist abgesperrt!

Auch der Zugang zu den Quellengebäuden ist abgesperrt!

Entlang des Dammes ist der Raum begrenzt: einzig der Weg entlang des Flusses ist begehbar. Die grünen Wiesen, die als Naherholung für die AnwohnerInnen da sind, sind abgesperrt! Noch vor der EM habe ich hier allerhand Leute getroffen. Mit Hunden. Zum Picknicken. Jetzt ist niemand da. Kein Wunder, bei den auferlegten Einschränkungen. Der Zugang zu den Quellen ist ebenfalls abgesperrt. Ich gehe der Absperrung entlang, bis ich auf einen grossen Parkplatz komme. Ein Parkplatz, der gut gefüllt ist, müssen doch alle AnwohnerInnen während dem Aufenthalt der Schweizer hier parkieren.

Parking_Kastenwagen

Das Parking wo für alle Endstation ist!

In den Parkplatz kommt man nur über einen Kreisel. Und da ist seit der Ankunft der Schweizer eine Polizeisperre. Mehrere Gendarmen sind präsent und kontrollieren die Zugangsstrasse zum Vichy Spa. Die Autos werden auf der Unterseite auf verdächtige Gegenstände mit einem Spiegel untersucht. Für mich ist hier Endstation. Das Bett-Symbol auf meiner Akkreditierung für das Team Base Camp ist durchgestrichen. Kein Weiterkommen.

Der erste Landjäger winkt ab, als ich ihn frage, wie es hier so vonstatten gehe. Weil ich insistiere, kommt ein anderer daher. Ausweiskontrolle! Meine Identität und meine Akkreditierung werden auf einem Papierblock notiert. Man spricht nicht mit mir, bis meine Koordinaten komplett notiert sind. Der Verantwortliche Gendarm kommt dann auf mich zu und sagt: „Sie sind der

Gendarme_Posten

Polizei- respektive Landjägerkontrolle

erste Journalist, der sich für das Sicherheitsdispositiv hier rund um das Vichy Spa interessiert.“ „Aha, das ist ja spannend“, meine ich. Alles laufe gut ab, meint dann der Gendarm mit cooler Sonnenbrille. Keine Reklamationen der AnwohnerInnen? „Nein!“

Die Stimmung bei den AnwohnerInnen ist verschieden. Es gibt jene, die das erhöhte Sicherheitspositiv willkommen heissen. Eine Frau konnte zu meinem Erstaunen gar ohne Papiere in die Residenz eindringen.

Rückblick: bevor die Schweizer Delegation am 5. Juni in Juvignac ihr EM-Camp bezog, wurden alle AnwohnerInnen von ihren Vermietern oder den Immobiliengewerkschaften gebeten:

  1. eine Kopie ihres Fahrzeugscheins
  2. eine Wohnsitzbestätigung
  3. und dieselben Papiere für alle Personen, die sie während der Euro besuchen könnten,

an die Gendarmerie zu schicken. „Das hat uns nicht sehr gefallen“, sagte mir damals ein junger Herr, der seinen Hund spazieren führte. „Wir werden doch nicht wegen den Schweizern unser tägliches Leben umkrempeln.“

Noch vor der Ankunft hatte das Vichy Spa Hotel extra einen Informationsabend für die AnwohnerInnen organisiert, um sie über die Einschränkungen während des Aufenthalts der Schweizer zu informieren. „Wir wollen ja nicht, dass das zu Problemen führt“, hatte mir im Vorfeld der Hoteldirektor Nicolas Bayard gesagt.

Nach nur einer Nacht nach der Schweizer Ankunft wurden dann zwei Journalisten, die im nahe gelegenen Côté Green logierten, kurzerhand von der Polizei rausgeschmissen. Einer von ihnen hatte mit seinem Handy am Morgen vom Hotelzimmer aus Fotos gemacht. Die musste er löschen. Und seine sieben Sachen packen und ins Golfhotel nur unweit ferner dislozieren.

Während einem Training

Während einem Training: Mehmedi unter Aufsicht des Schweizer Sicherheitsdienstes

Angespannt waren sie also die Sicherheitskräfte bei der Ankunft der Schweiz. Und sie waren es auch beim öffentlichen Training am 6. Juni. Gar keine Auskunft wollte man mir damals geben. Und bis heute warte ich auf eine Antwort der Präfektur zum Sicherheitsdispositiv in Montpellier während der EM. Offenbar hatte die Schweiz verstärkte Massnahmen gefordert.

Während die Gendarmen und der Schweizer Sicherheitsdienst das Vichy Spa absichern, kümmert sich die private Sicherheitsdienst von Nicollin (dem Präsidenten des Fussballklubs in Montpelliers) und die Gemeindepolizei  um die Sicherheit rund ums Stadion. Wenn ich jeweils an die Pressekonferenzen gehe oder mir die Trainings der Equipe anschaue, wird am Eingang mein Rucksack durchsucht. Das kann amüsant sein: dann, wenn ich als Reisender mit denselben sieben Sachen mehrere Tage nacheinander auftache. Das einzige, was sich dann geändert hat, sind dass meine Unterhosen nun… Sonst ist alles gleich.

Die Sicherheitsdienste – das muss man ihnen lassen – geben sich zugänglich. Einem Journalist, der noch immer im Côté Green logiert, hatte man mitgeteilt, dass er diskret sein solle. Pragamatische angedrohte Zensur könnte man dies nennen. Der Journalist erlebt die Gendarmen am Checkpoint als „gut gelaunt, und immer für einen Witz zu haben“. Mit den privaten Sicherheitskräften von der Gruppe Nicollin halte ich immer einen Schwatz, wenn ich ins Stadiongelände eintrete. Sie kennen mich unterdessen.

Die Schweizer Festung hinter den Platanen

Die Schweizer Festung hinter den Platanen

Die Frage stellt sich trotzdem: wollen die Schweizer ganz schweizerisch gar nicht auffallen? Will man nicht auch etwas Freiheit geniessen? Und sind sie sich überhaupt ein solch immenses Sicherheitsaufgebot gewöhnt, die Stars? Gelson Fernandes, der Brückenbauer der Schweizer Nati, hatte ganz am Anfang des Turniers beschwichtigt: „Das Sicherheitsaufgebot ist nicht grösser als an anderen Turnieren.“ Später dann, nach dem Unentschieden gegen Rumänien, postete Xherdan Shaqiri ein Selfie vor den „Trois Graçes“ im Herzen Montpelliers. So unfrei wie es von aussen scheinen mag, sind sie wohl doch nicht, die Schweizer Stars. Der Sicherheitsapparat beeindruckt aber dennoch. Und ist laut Experten um ein vielfaches höher als an anderen Turnieren.

Der Gendarm am Checkpoint lässt mich sogar ein Foto machen. „Was mir das bringe?“, fragt er. „Das zeigt immerhin wie das hier so läuft“, sage ich ihm. Und zottle ab. Richtung Fluss, entlang des Dammes. Bis ich wieder über die Passerelle komme.

Und heute wissen wir: die Schweizer Festung konnte das Ausscheiden im Achtelfinal auch nicht verhindern…

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Juni 2016 von in EM 2016, Lesen_Lire und getaggt mit , .
%d Bloggern gefällt das: